Laudatio Frank Stiehler Meinersdorf 2014

Laudatio von Alexander Stoll zur Eröffnung Frank Stiehler, 17.10.2014 Rathausgalerie Meinersdorf

Die menschliche Gestalt in allen ihren Facetten steht im Mittelpunkt des Schaffens von Frank Stiehler. Wir begegnen in unterschiedlichen Techniken und Medien immer wieder Figuren – ob einzeln, zu zweit oder in komplexen vielgestaltigen Konstellationen. Er selbst spricht von „choreografischen Zeichnungen“, in denen er „unserer Psyche eine Gestalt geben“ möchte.

Die Mittel, die er dazu benutzt sind vielseitig – im künstlerischen Ansatz jedoch überschaubar. Es ist die Zeichnung, vor allem das lineare Zeichnen, das seinen Werken Form und Gestalt verleiht. Das verlangt nach einem hohen Grad an handwerklich-zeichnerischem Geschick, denn jede Linie muss einfach „sitzen“, wie man so sagt. Und sie muss nicht nur sitzen, sondern auch Ausdruck haben, denn viele andere Mittel stehen dem Künstler da nicht zur Verfügung.

Somit sind Frank Stiehlers Zeichnungen in der Regel von einer deutlichen Verknappung geprägt. In den mit Aquarellfarbe gearbeiteten blauen, kalligrafisch anmutenden Zeichnungen, z.B. sehen wir nur Figuren, leuchtend blau auf weißem Grund – ohne schmückendes Beiwerk, kein Interieur, keine Landschaft, nicht einmal ein farbiger Fond. Allein ihre Gesten, ihre Haltungen sind entscheidend. Auch in den Gemälden bildet nur eine leichte Lasur den Hintergrund, lenkt nichts von den Figuren, und damit der eigentlichen Aussage ab.

Es verwundert also nicht, dass er auch auf die Artikulation der Arme, Beine oder Hände besondere Aufmerksamkeit legt. Hier kommt neben der Verknappung noch eine weitere künstlerische Methode zum Tragen – die Übersteigerung. Bei einzelnen Formen, wie den Fingern z.B., wird sich von der naturgegebenen Anatomie zu Gunsten eines gesteigerten Ausdrucks sehr deutlich entfernt. Das gilt auch für zahlreiche Körperhaltungen und den Gebärden in den Arbeiten von Frank Stiehler – eben „der Psyche eine Gestalt geben.“ Und so finden wir in den Figurenkonstellationen ein vorsichtiges Annähern, ein Abtasten, ein Vorübergehen, ein Umgarnen und Umarmen – im Prinzip all jenes wieder, was zwischenmenschliche Beziehungen ausmachen kann.

Wenn wir nun die Art der Linien betrachten, so kommen wir schnell zu der Feststellung, dass sich bei Frank Stiehler in gewisser Weise zwei Herangehens- oder Umgangsweisen damit finden lassen. Zum einen gibt es die lockere, sehr freie Linien, die mit Pinsel und Farbe oder Feder und Tusche gezogen werden oder auch sehr differenzierte Kohlezeichnungen. Diese Linien sind von vielen Ansätzen gekennzeichnet, es gibt sehr dünne Linien und breitere, die sich fast flächenartig ausbreiten können. Der Ton ist zum Teil unterschiedlich, wenn Sie z.B. die Verwischungen bei der Kohle betrachten.

Zum anderen haben wir die glatte, streng gezogene Linie eine Filzstiftes oder Markers, die vom Ansatz bis zum Schluss sehr homogen, nahezu ununterbrochen und ohne Differenzierung in den Schwarzwerten über das Blatt gezogen werden kann. Diese erinnert stark auch an die schwarzen Umrisslinien, wie sie in Karikaturen oder Comics zu finden sind.

Damit sind wir bei einer weiteren Facette im Werk von Frank Stiehler angelangt.

Einige der Blätter wecken starke Erinnerungen an Comics und der Künstler ist dieser oft als Trivialkunst abgetanen Richtung durchaus zugeneigt, arbeitet zum Teil auch für Zeitschriften und Verlage auf diesem Gebiet.

Es erscheint logisch, dass diese Blätter nicht so stark reduziert daherkommen, dass hier eine erzählerische Komponente hinzukommt. Im Unterschied z um Comic, wo die Erzählung sich ja aus vielen aufeinander folgenden Bildchen – den sogenannten Panels – aufbaut und weiterentwickelt, fügt Frank Stiehler in seinen Arbeiten viele Dinge zusammen, verdichtet, lässt Figuren sich überlagern oder ineinander übergehen, so dass ein sehr dichtes Figurengeflecht entsteht (siehe große mehrteilige Arbeit, in der sich eine überbordende Fabulierlust ausbreitet).

Die Grundästhetik kommt einem Comic durchaus nahe (auch hier wieder übersteigerte Gesten, verzerrte Perspektiven) aber es funktioniert hier doch als autonomes Bild – und spricht genauso zu uns – auch ohne Sprechblasen. Nur dass die Geschichte hier eben nicht oben links auf der ersten Seite beginnt und unten rechts auf der letzten endet wie bei einem Comicband.

Ein spezieller Aspekt oder besser: Begriff sollte nicht unerwähnt bleiben. Bei einigen Blättern spricht Frank Stiehler von „Dualgrafie“ und grenzt diesen, selbst kreierten Begriff deutlich von der weitverbreiteten „Computergrafik“ ab. Er möchte damit die Kombination zweier grundsätzlich verschiedener Methoden bezeichnen, die er beim Erarbeiten einer solchen Grafik verwendet. Es ist zunächst die traditionelle Handzeichnung, die, wie erwähnt, mit Pinsel oder Stift auf Papier – also in der realen Welt – erzeugt wird. Diese erfährt nun in einem zweiten, darauffolgenden Arbeitsschritt – per Computerprogramm – also auf virtuelle Weise – eine Weiterbearbeitung, wird verändert, vervielfacht, ergänzt, gespiegelt oder auch kräftig farbig gestaltet. Hier kennt Frank Stiehler keine Berührungsängste mit den neuen technologischen Mitteln und den damit verbundenen Möglichkeiten, folgt einfach seiner Intuition und ist begeistert von den Ergebnissen, die schließlich aus dem virtuellen Raum heraus (d.h. von der Festplatte) als hochwertig ausgedruckte „Dualgrafie“ wieder den Weg in die haptisch erfahrbare Welt zurückfinden.

Frank Stiehler, wenn er sich auch vorrangig der Linie bedient, bringt die Dinge auf den Punkt, lädt uns ein, in dieser Ausstellung „seinen Tanzplatz der Psyche“ kennen zu lernen.

Alexander Stoll, 17.10.2014

aktualisiert: 01.09.2015